Geschichten von der Mitte der Welt
Anna Ternheim - Lover's Dream
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edition-inversif 0309

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Le lanceur de disque (... jusqu' à la fin du monde)
(l'histoire de ces pages)
Who disturbs my slumber?
Who calls for the disk to be thrown?
The questions come without number.
The answers are already known.
(merci C.K.H.)
Der Diskuswerfer lebt in freundlichen, von der Sonne reich beschenkten mediterranen Gefilden, um genauer zu sein: In Griechenland, und das - obschon er äußerlich einem Mann in den mittleren Dreißigern gleicht - seit vielen hunderten von Dekaden.
Der Diskuswerfer hat keinen Wohnort und besitzt keine Habe. Beides würde ihm eher etwas nehmen; er sähe aus, als übertreibe er ... und es gibt nicht vieles, was seinem Wesen mehr widerspräche als das.
Der Diskuswerfer benötigt keinerlei Nahrung. Zwar kaut er gelegentlich frische, würzige Wildkräuter und trinkt Quellwasser dazu, doch dient ihm dies zur reinen Erquickung. Hunger und Durst, Bedarf und Not sind dem Diskuswerfer fremd.
Seiner Arbeit geht der Diskuswerfer nach, seitdem es ihn gibt. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass er nicht geboren, sondern bereits erwachsen in die Welt gestellt wurde, mit dem Diskus in der Hand. Sein Auftrag besteht darin, den Diskus zu werfen. Dieser Auftrag identifiziert ihn. Der Diskuswerfer ist nur ein Diskuswerfer - er ist ein Diskuswerfer und nichts sonst.
Wer jemals einen Diskus beobachtet hat, wie er ins Licht fliegt: Aufgrund von wunderbaren Naturgesetzen erst richtig beschleunigt durch Gegenwind und durch seine Drehung gegen den Uhrzeigersinn, in seinen Farben, der wird den Diskuswerfer glücklicher schätzen als irgendjemanden sonst.
Meistens schläft der Diskuswerfer und träumt davon, den Diskus zu werfen. Sobald er erwacht, was nicht täglich und auch nicht unbedingt jährlich - im übrigen zu den verschiedensten Tages- oder Nachtzeiten - geschieht, verlässt er sein Lager aus Steinen, Moos und Erinnerungen, steht aufrecht und atmet eine unterschiedlich lange Weile, die möglicherweise Monate andauern, aber durchaus auch einmal auf wenige Viertelstunden begrenzt sein kann, die Schönheit und die Bezauberung der Welt. Dann greift er den Diskus und wirft ihn weit hinaus, in vollkommener Freude. Danach ist seine Arbeit getan, und der Diskuswerfer geht zurück zu seinem Lager aus Steinen, Moos und Erinnerungen, schläft unmittelbar ein und träumt davon, den Diskus zu werfen, weit hinaus, in seinen Farben.
Während seiner Schlafenszeit scheint das Lager des Diskuswerfers zu wandern, denn bei jedem Aufwachen findet er sich in einer anderen Gegend Griechenlands wieder. Bei fast jedem Aufwachen zumindest, denn verschiedene Male soll er auch mehrmals hintereinander am selben Ort aufgewacht sein. Aber das waren Ausnahmen. Man hat die Orte seines Aufwachens auf griechischen Landkarten markiert und durch Linien verbunden, in der Absicht, eine Art geheimen Code dadurch dingfest zu machen; indes, alle Bemühungen in dieser Richtung blieben fruchtlos: Wenn es einen Code gab, so ließ er sich nicht erkennen, geschweige denn entschlüsseln.
Der Diskuswerfer schläft Tage, Wochen, Monate oder Jahre; nach neuesten Forschungen (deren Ergebnisse wissenschaftlichen Redaktionen in aller Welt immer wieder einmal von anonymer Seite aus zugespielt werden) bis zu sieben Jahre. Berichtet wurde allerdings auch, dass er zuzeiten mehrmals am Tag aufwacht und den Diskus wirft. Denn jedesmal, wenn der Diskuswerfer wach wird, liegt der Diskus neu neben seinem Lager aus Steinen, Moos und Erinnerungen, und will geworfen sein, weit hinaus, in seinen Farben. Der Diskuswerfer steht dann auf und tut seine Arbeit in vollkommener Freude.
In vollkommener Freude lebt der Diskuswerfer und wartet auf nichts, denn die Zeit ist für ihn aufgehoben. Wird der Diskuswerfer, irgendwann in der Zeit, auf irgendeine Weise enden? Wird er eines Tages einfach nicht mehr aufwachen, oder wird er zwar aufwachen, aber den Diskus nicht mehr neu neben seinem Lager finden ... nie mehr? Wir wissen es nicht, und die, die den Diskuswerfer vor langer Zeit an seinen Platz stellten, hüllen sich mit allergrößtem Nachdruck in Schweigen.
Befragt nach Vernunft und Zweck seines Tuns, blickt der Diskuswerfer finster und antwortet schroff: "Das ist mein Amt", sagt er dann, oder: "Das Werk muss getan sein."
Der diese Zeilen schreibt, benötigte sechs Jahre, um den Diskuswerfer zu der einzigen Zeit anzutreffen, zu der er ansprechbar ist: Gleich nach seinem Aufwachen, wenn er eine unterschiedlich lange Weile die Schönheit und die Bezauberung der Welt atmet. Als es endlich so weit war, hätte dem Erzähler dieser Geschichte wohl kaum eine dümmlichere Frage einfallen können als die nach Vernunft und Zweck des Diskuswurfs. Aber genau diese Frage war es, die er stellte. Entsprechend beschämt war er von der Antwort, und dieses zu Recht.
Sechs weitere ganze Jahre, die ihn in Gram, Verwirrung und Verbitterung vorfanden, gingen ins Land, bevor es dem Verfasser dieser Zeilen gelang, dem Diskuswerfer ein zweites Mal zu begegnen: In einer Hügelkette, die dem Gebirge Ida auf Kreta vorgelagert ist. Der Diskuswerfer erkannte ihn sofort, nickte ihm zu und sagte, ohne eine Begrüßung abzuwarten: "Die Arbeit ist mir aufgetragen." ... so, als wolle er die vor langer Zeit gestellte Frage gleich noch einmal beantworten.
Während der Erzähler dieser Geschichte zu verblüfft war, um etwas zu entgegnen, blickte der Diskuswerfer ihn finster an und redete weiter: "Sehen Sie dort mein Lager? Es ist aus Steinen, Moos und Erinnerungen. Nicht meine Erinnerungen, wohlgemerkt ... verstehen Sie mich richtig."
Er schwieg kurz. Dann sagte er: "Es sind die Erinnerungen aller lebenden und nicht mehr lebenden Menschen der ganzen Welt, aber es sind auch all ihre Wünsche, Hoffnungen, Ideen und Visionen." Er schwieg.
"Denn das Wünschen ist nur eine besondere Form des Erinnerns." Wieder schwieg er.
Dann redete er weiter: "Und es sind auch umgekehrt die Erinnerungen der ganzen Welt an die Menschen, die je lebten und jetzt leben. An jeden ihrer großen hellen oder auch dunklen Gedanken, jede frohe Fassungslosigkeit, jede Verschmitztheit, aber auch jeden heiligen Zorn, jeden Kampf gegen ihre Angst, an jedes Überwältigtsein, jede große Freude und tiefste Trauer, jeden strahlenden Moment und jeden bis ins Herz betrübten Augenblick ... an jede Hingerissenheit und jeden furchtbaren Schmerz ist und bleibt gedacht in den Erinnerungen der ganzen Welt. Und an alles, was jemals groß und gut war, so dass es aufbewahrt und weitergegeben gehört, für jede Zeit, die ist und kommt ... bis ans Ende der Welt."
Er schwieg eine Weile. Dann: "Wissen Sie ... es gibt kein Vergessen. Aber es gibt den Jubel. Und es gibt das Heu. Und es gibt den Schnee, und das Ende."
Er schwieg länger, dann schaute er zum Himmel, schirmte dabei seine Augen mit einer Hand gegen die Sonne. "Ein guter Tag."
"Später wird es Regen geben."
"Als ich das letztemal an diesem Ort aufwachte, schwebten gerade zwei Fesselballons vorbei."
Dann leise: "Beim ersten Mal bauten die Minoer gerade an ihrer Siedlung, drunten im Tal."
Nach längerer Zeit: "Wissen Sie, was geschieht, wenn der Diskus geworfen ist, weit hinaus, in seinen Farben, und jemand ihn irgendwo findet im Gelände, aufhebt, anschaut und dabei hin und her dreht, mit heim nimmt, mit ihm schlafen geht, erwacht, und dann den Diskus selber weit hinaus wirft und sich wieder schlafen legt, in vollkommener Freude? Dann wird auch er wieder mit dem Diskus an seiner Seite erwachen, und es nicht erwarten können, ihn neu zu werfen, in seinen Farben, weit hinaus, in vollkommener Freude."
Er schwieg lange. Dann sagte er leise und wie zu sich selbst: "Inzwischen sind wir viele."
Nach einer langen Pause sagte er dann: "Das ist mein Dienst." ... wie um eine vor vielen Jahren gestellte Frage noch einmal zu beantworten.
Der Schreiber dieser Zeilen fasste sich und stellte seine zweite und letzte dumme Frage: "Woraus besteht der Diskus, was enthält er, aus was ist er gemacht?" Nun gut, das sind eigentlich gleich drei dumme Fragen. Man sehe sie ihm nach; nur derjenige, der noch niemals törichte Fragen gestellt hat, besäße das Recht, sie ihm zu verargen.
Der Diskuswerfer antwortete nicht. Aber dann antwortete er doch: Er griff den Diskus, holte aus und schleuderte die schimmernde Scheibe weit hinaus, in ihren Farben, scheinbar bis über die Wolken, scheinbar bis hinter den Horizont, in vollkommener Freude. Er schaute hinterher, bis der Diskus nicht mehr sichtbar war, wandte sich um und ging zurück zu seinem Lager aus Steinen, Moos und den Erinnerungen der ganzen Welt. Er legte sich nieder, schlief sofort ein und träumte davon, den Diskus zu werfen.
Der diese Zeilen schreibt, stieg den Hügel hinunter ins Tal, wanderte, vorbei an den minoischen Ruinen, bis zur nahegelegenen Ortschaft und nahm den nächsten Zug nach Norden.
Daheim angekommen, begann er damit, diese Seiten zu füllen - gerade so, als sei dies sein Amt.
Er freut sich darauf, dem Diskuswerfer wieder zu begegnen ... in zwei, vierzehn, einunddreißig oder tausend Jahren ... oder übernächsten Mittwoch. Denn auch für ihn ist die Zeit nun aufgehoben.
Gerade jetzt, da er diese Zeilen niederschreibt, freut er sich unbändig auf die helle Nacht nachher, auf den Schlaf mit den Erinnerungen der ganzen Welt, und aufs Aufwachen, wann auch immer.
Er freut sich auf den Diskus, der beim Aufwachen neben ihm liegen wird.
Wer selbst, irgendwo im Gelände, irgendwann in der Zeit den Diskus findet, der möge ihm schreiben:
Janus@gmx.org
Er darf auch zwei dumme Fragen stellen.
Strenggenommen, sogar vier.
In vollkommener Freude:
Vincent
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