Geschichten vom Vergessen; vergessene Geschichten
Place des étoiles
© Octurn / Boris van der Avoort
La soirée
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La soirée
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Vogelaugenahorn - was für ein seltsamer Name für ein Holz.
Er strich noch einmal mit der Hand leicht über seinen Schreibtisch. Die Schublade ganz links unten klemmte,
was da wohl drin war? - Er wird keine Gelegenheit mehr haben, dies herauszufinden. Verächtlich blickte er
auf die Schneeglöckchen vor sich - warum verstand seine Sekretärin nie, wie deplaziert das 'frische Grün' hier
war?
Irgendwie scheinen in den unpassendsten Momenten unglaublich banale Fragen im Raum zu stehen.
Er zwinkerte seine Gedanken weg, und blickte seinen Stellvertreter, den er eigentlich schon immer ausgesprochen
widerlich gefunden hatte, und der für das Desaster verantwortlich war, gleichmütig an. Die beiden Russen
sprangen auf. Sie waren zwar recht schnell gewesen bei dem Versuch, ihm seine Firma wegzunehmen, aber im
entscheidenden Moment waren sie dann doch nicht schnell genug. Nicht umsonst hatte sein Vater ihn auf die
besten Schulen geschickt, und dort war er auch ein leidlich guter Schütze geworden. Rasch und zielsicher drückte
er ab.
Frau Löhlein, schon seit über zwanzig Jahren die gute Seele des Betriebes, ließ ihre Hände auf der Tastatur
erstarren. Angst kroch über ihren sorgfältig gebügelten Hosenanzug. Langsam ging sie zur Tür ihres Chefs.
Sie registrierte zwar die drei Körper direkt neben der Tür - zwei hatten sich blutend auf dem Boden ausgestreckt,
einer ruhte mit starren Augen im Ledersessel - aber eigentlich hatte sie nur Augen für ihren Chef. Er lag blicklos
auf dem Schreibtisch seines Vaters und ein leichtes Lächeln schien immer noch in seinen Mundwinkeln zu liegen.
Sie wusste, daß sie es nicht tun sollte, aber sie nahm ihn bei der Schulter und schob ihn sanft in seinem Stuhl
zurecht. Er sollte aufrecht sitzen, wenn die Polizei eintraf.
Dann verließ sie leise den Raum.
Ceux qui vont dans la terre
edition-inversif 0609
(...avec une révérence cordiale à Mara pour leur histoire à l'image.)

Ceux qui vont dans la terre
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La chambre interdite edition-inversif 0409

La chambre interdite
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La chambre interdite (2) edition-inversif 0409

La chambre interdite (2)
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Was ich gestern abend sah
war ein Mann, der war nicht da.
Auch heute war der Mann nicht dort
ich wünscht, ich wünscht .. er ginge fort.
(merci C.K.H.)
Oblivion
edition-inversif 0309

Oblivion
...eigentlich aber war alles ganz anders.
Pavel war eigentlich nur gereizt und fragte sich, was er hier gerade tat .. nachdem ein Artworker des 21. Jahrhunderts ihn als Silhouette in das Bild hineingesetzt hatte .. aus, mutmaßlich, irgendwelchen bildkompositorischen Gründen; um dem Bild einen auch auf den ersten Blick ersichtlichen Mittelpunkt zu verleihen, wie der Artworker, in der ihm eigenen Art, gewiss wortreich erklärt hätte.
aber dann wurde doch noch alles gut.
auf einmal erblickte Pavel die junge Frau, die hinter ihm in ein Schaufenster starrte. sie schaute wie hilfesuchend zu ihm hin. so trat er zu ihr, und beide kamen ins Gespräch. sie zeigte auf zwei versilberte Serviettenringe in der Auslage. „Lionel und ich haben morgen unseren ersten Hochzeitstag“, erzählte sie. „Er liebt versilberte Serviettenringe! aber.....“ sie verstummte und zeigte auf das Preisschild, das, wie verschämt und unverschämt zugleich, an der Innenseite eines der Serviettenringe klebte.
Pavel fingerte in seiner linken Hosentasche. gab ihm der Artworker, sein Meister, nicht jedesmal ein wenig Geld mit auf den Weg, wenn er ihn auf die Reise in seine Bilder, Zusammenhänge, Sujets und Szenarien schickte .. damit Pavel sich, wenn er hungrig wurde oder es länger dauerte, zu helfen wusste? tatsächlich .. er fand fünfunddreißig Dollar. damit wurde einiges möglich.
„Kommen Sie!“, nahm er die Frau, die sich übrigens als Audrey vorgestellt hatte, kurzentschlossen am Arm und betrat mit ihr das Schmuckgeschäft. siebzig Dollar sollten die Serviettenringe kosten. „Feinstes Sterlingsilber, in Radon geflammt!“ betonte der Juwelier. es sollte jedoch niemand das zuweilen sehr besonders ausgeprägte Verhandlungsgeschick gerade von Schattenwesen und Silhouetten unterschätzen .. die Geschichte vom unmittelbar bevor stehenden ersten Hochzeitstag tat ihr übriges, zumal Pavel geschickt verschwieg, dass nicht er der vom Glück gesegnete Ehemann war .. währenddessen die junge Frau nervös trippelte und zu all seinen Ausführungen heftig mit dem Kopf nickte .. kurz und gut: für dreißig Dollar wechselten die Serviettenringe den Besitzer, und alle Beteiligten waren am Ziel ihrer Wünsche .. (sogar der Juwelier, denn von echtem Sterlingsilber konnte keinesfalls die Rede sein, und was er mit „in Radon geflammt“ gemeint hatte, wusste der kreative Verkäufer selber nicht; es war ihm gerade so eingefallen.)
draußen fiel Audrey Pavel um den Hals, drückte ihm nach Buttermilch riechende Küsse auf beide Wangen, hüpfte einmal kurz auf, strahlte, als ob sie just dabei wäre, den Begriff des Strahlens neu zu erfinden, und beide verabschiedeten sich auf das herzlichste. „Meine besten Empfehlungen unbekannterweise auch an Lionel!“, rief Pavel ihr noch hinterher. sie drehte sich um, hüpfte noch einmal auf und winkte ihm mit beiden Armen.
Pavel stand noch eine Weile reglos und wie verzaubert, mit klopfendem Herzen, inmitten des raumlosen Areals, das weder Innen- noch Außenraum zu sein und von innen wie außen eingerahmt und doch offen schien; in dem die wenigen, ohnehin gleichsam zurückgenommenen und angeschmutzten Farben die Szenerie zur Seite hin zu verlassen schienen .. gerade so, als hätten sie es verdient.
er kaufte für sein restliches Geld eine Fahrkarte. sinnloser hätte er das Geld eigentlich wirklich nicht ausgeben können, denn Schatten und Silhouetten werden von allen Verkehrslinien der Welt kostenlos befördert .. aber er sah es auch nicht ein, es dem Artworker zurückzugeben. schließlich haben bekanntlich gerade Schattenwesen und Silhouetten einen sehr besonderen, eigenen Stolz.
der Artworker war, später in der hohen Nacht, vergnügt und guter Dinge. er hörte blaue Noten, blickte dabei lange auf seine Geschichte in grau, schmuddelgelb und altrosa und war, ausnahmsweise völlig wortlos, zufrieden und gespannt. mit einem Mausklick speicherte er die letzte Bearbeitung ab.
in derselben Sekunde kehrte Pavel heim in seine Schatten.
(avec un remerciement spécial à Mara pour la re-inspiration)
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