Geschichten von Verwandlung
"Später, des Nachts, warst du es, die mich beschützte .. in dem Schatten deiner Augen."
Eine Million Jahre war er nicht mehr hier. Jetzt ruft er sein Hallo und nichts antwortet.
Sind die Tiere gegangen, ist das Weltall in diesem Winkel öde und leer? Sein Schiff landet
am Wasser, seine Haare werden kupfergrün in der Sekunde, in der er an die Luft kommt.
Ein sehr mächtiger Saturn geht eben über dem Wald auf und ein sehr schmächtiger Mond
spaziert durch die Wolkenallee über seinem Kopf. Ist das die Erde? fragt sich der
Raumfahrer und erinnert sich.
(merci Christian Pfluger)
(pour être continué...)
Vor fast fünfundzwanzig Jahren, bei der Einweihungsfeier seines Appartements in der Kinderspitalgasse, das sein Vater, ein vermögender Immobilienmakler aus dem I. Bezirk, ihm zur bestandenen Matura geschenkt hatte, war plötzlich eine ihm völlig unbekannte junge Frau auf Valentin zugetreten, hatte ihn beglückwünscht und ihm ein großes, sehr flaches, in Packpapier eingeschlagenes Präsent überreicht. Sie war dann wieder verschwunden, noch bevor sich Valentin richtig bei ihr hatte bedanken können.
Als alle Gäste fort waren, hatte Valentin das Paket ausgepackt, das zum Vorschein kommende gerahmte Bild kurz angeschaut, gleich wieder in sein ursprüngliches Packpapier gelegt, in einen Abstellraum gestellt und vergessen.
Nur kurz hatte er sich gefragt, warum ihm die Unbekannte ein solches Bild geschenkt hatte. Er hatte keinen Augenblick lang vor, es aufzuhängen. Es passte überhaupt so gar nicht zu seinen hellen Naturholzmöbeln, den vielen Spiegeln und den grünen Zimmerpalmen in seinem neu bezogenen Heim.
Drei Tage vor Ostern des Jahres, das noch andauert, erwachte Valentin mitten in der Nacht, in großer Erregung, und mit der Gewissheit, dass der nächste Tag sein Leben auf radikale Weise verändern würde.
Er rauchte, unschlüssig, ein Zigarillo. Dann erhob er sich aus seinem Bett, schaltete seine Stehlampe und das Unterbaulicht in seinem Schrank an, duschte, gelte sich die Haare und zog einen dunklen Anzug an. All dieses geschah langsamer als sonst; mit besonderer und außergewöhnlicher Sorgfalt.
Anschließend ließ er sich in seinen schweren, schwarzen Ledersessel nieder und rauchte noch ein Zigarillo.
Auf einmal aber stand er eilig auf, ging mit großer Entschiedenheit zu seinem Abstellraum, zog von ganz hinten das fast ein Vierteljahrhundert alte Geschenk der Unbekannten hervor, packte es aus und hängte das Bild an die Wand; an einen kleinen Nagel, an dem - er erinnerte sich - lange Zeit ein Wandspiegel gehangen hatte.
Nachdem er das Bild aufgehängt hatte, ging er ruhig in den Raum zurück.
Aber ich bin ganz sicher, dass das nicht stimmt.
La nuit avant edition-inversif 0409

Still betrachtete sie das Bild an der Wand. Es war nicht einmal eins der besten ihres Vaters. Er war nach Beendigung
seines Werkes so rein gar nicht mit dem Ergebnis zufrieden gewesen, aber er hatte es ihr zu ihrem sechzehnten
Geburtstag gemalt - nur für sie. Es war eines der wenigen Male, an denen ihr Vater sie bewusst wahrzunehmen schien.
Meist lebte er schweigend und in sich gekehrt wie ein Geist, der zu den Mahlzeiten im Salon erschien, und für den
restlichen Tag in seinem Atelier verschwand.
Er malte es für ihr Zimmer, ihr geliebtes Jungmädchenzimmer in der Kinderspitalgasse.
Es war ein fast körperlicher Schmerz, als sie erfuhr, dass sie das Zimmer mit der veilchenblauen Tapete, den weißen
Möbeln und dem Blick auf den lebhaften Marktplatz verlassen musste. Die Wohnung wurde verkauft, und geliebte
Dinge verschwanden in großen stummen Kisten. Die Mutter wollte aufs Land - der reinen Luft wegen, und der Vater
nahm es mit einem leisen Achselzucken hin. Nach ihr fragte niemand. Sie musste ihr Leben zurücklassen, ihre Freundinnen
und .. noch schlimmer .. die Erinnerungen an ihre Schwester, die andere Seite der Münze.
Die Wohnung lag in einem beliebten Viertel, und so dauerte es nicht lange, bis ein anderer Name am Haus stand.
Es war wie ein Reflex und ging so schnell, aber sie musste es tun. Sie stand vor ihrer nun fremden Wohnung und drückte
den Klingelknopf, der einmal ihr Klingelknopf gewesen war. Ein großer schlanker Mann schaute fragend, als sie ihm
schweigend das in braunes Packpapier eingehüllte Paket reichte. Sie konnte nichts sagen, lächelte nur unschlüssig und
huschte dann wortlos hinaus.
Die ganzen Jahre über fragte sie sich, ob er das Bild an den Platz gehängt hatte - es war ein fast körperlicher Drang zu
wissen, ob.
Aber fünfundzwanzig Jahre später klingelte das Telefon - sie war gerade dabei, in ihrem Vorgarten die Gemüsebeete
abzustecken - und erst war da ein Schweigen am anderen Ende der Leitung, doch ein Herzklopfen später wußte sie,
dass er wegen des Bildes anrief. Er hatte hinter dem Bild den kleinen Zettel mit ihrer hastigen Telefonnummer
gefunden.
Ihre Augen glitten zärtlich über das gemalte Gesicht der Schwester und ruhten einen Moment lang auf dem kleinen
Kratzer, den der Rahmen von einer allzu ungestümen 16 jährigen erhalten hatte. Der Mann im Sessel beobachtete
sie derweil schweigend. Er war eingehüllt in Zigarillorauch und versuchte seine Unruhe mit einer nonchalanten
Lässigkeit zu überspielen.
Sie sah, wie seine Finger ungeduldig zuckten und auf ihre Geschichte warteten.
Aber sie wollte diesen Moment noch etwas herauszögern, ihn in sich aufnehmen wie einen guten Wein.
Sie drehte sich langsam um, und blickte ihn mit einem kleinen entschuldigenden Lächeln an. Dann erzählte sie ihre
Geschichte.
(...merci à Mara pour cela.)
La nuit avant
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Avant le tribunal edition-inversif 0409
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